„Tennis ist für mich Urlaub vom Ich“

Er gewann den Deutschen Filmpreis, den Bambi und gehört zur Riege der bekannten deutschen Schauspieler: Tom Schilling. Der Tennisplatz sei für ihn der schönste Ort der Welt, sagt er. Wir trafen den 36-Jährigen in Berlin. Ein besonderes Gespräch über eine große Liebe zum Tennis.

Herr Schilling, wir befinden uns auf dem Gelände Ihres Tennis-Clubs in Berlin. Wie oft trifft man Sie hier an?

Das hängt davon, ob ich drehe oder nicht. Wenn ich in Berlin bin, dann sieht man mich hier etwa jeden zweiten Tag. Nach einer längeren Pause bin ich meistens schwer unterspielt und muss schnell viel Zeit auf dem Tennisplatz verbringen (lacht).

Nehmen Sie noch Training?

Unser Trainer Mo ist die gute Seele des Clubs, er hat mir alles beigebracht. Inzwischen spiele ich aber meist mit verschiedenen Sparringspartnern. Im Winter versuche ich, beim Hallen-Training mitzumachen, aber aufgrund meines unsteten Berufs und mit drei Kindern zuhause schaffe ich es nicht zu jeder Einheit.

Wie muss die Ansprache eines Trainers sein, damit es Ihnen Spaß macht?

Zum Tennis muss man mich gar nicht motivieren, denn ich bin einfach tennisverrückt und liebe es, auf dem Platz zu stehen. Wichtig finde ich bei einem Trainer, dass er einem die Sachen auf eine positive Art und Weise näherbringt. Mit so einer negativ-autoritären Art komme ich bei Lehrern, Regisseuren und auch bei Tennistrainern gar nicht klar.

Was macht Tennis für Sie zu einem besonderen Sport?

Tennis ist ein Einzelsport, das finde ich persönlich ganz toll. Es ist kraftvoll und dynamisch, aber trotzdem braucht es Präzision. Manchmal kommt man in diese Zone hinein, in so ein Momentum, in dem einfach alles funktioniert – und dann steht die Zeit still. Es gibt natürlich auch das Gegenteil, dann funktioniert gar nichts und man könnte sich einfach nur selbst schlagen (lacht). Tennis ist auch ein sehr psychologischer Sport, man spielt gegen sich selbst. Und durch die unerbittliche Zählweise ist es mental anstrengend, ähnlich wie Pokern. Man kann unheimlich gut spielen und trotzdem das Match verlieren.

 
„Tennis macht den Kopf frei. Man ist eine Zeit lang völlig im Hier und Jetzt…“

Tom Schilling

Welche Auswirkung hat Tennis auf Ihr Wohlbefinden?

Es macht den Kopf frei, ich bin danach total ausgeglichen. Selbst, wenn ich schlecht gespielt habe, war ich irgendwie kurz bei mir selbst. Man ist eine Zeit lang völlig im Hier und Jetzt und denkt nur an das, worum es gerade geht, direkt hier innerhalb dieser Linien. Wann schaut man sonst mal zwei Stunden nicht auf sein Telefon?

Sie beschreiben sich als sehr ehrgeizig. Wie äußert sich das im Tennis?

Eine Zeit lang habe ich Tennis ziemlich ernst genommen und auch versucht, mich im LK-Ranking ernsthaft zu verbessern. Aber Tennis ist ein wunderbarer Spiegel der Seele, da kommt der Charakter 1:1 zum Vorschein. Und zu ehrgeizig zu sein, blockiert halt auch und das ist mein großes Defizit. Es ist wie alles im Leben wahrscheinlich eine Frage der Balance. Heute helfe ich noch manchmal in der Mannschaft aus, wenn Not am Mann ist.

Wie gefällt Ihnen das Vereinsleben?

Ich habe ziemlich viele Spielpartner hier im Verein und finde es spannend, mit wem man da so zusammenkommt, das ist ein ganz breiter Querschnitt durch die Gesellschaft. Ich bin sehr schüchtern und spiele oft vormittags oder morgens, wenn es noch ruhig ist. Für mich ist die Anlage hier eine richtige kleine Oase. Drumherum tobt der Stadttrubel, aber hier ist die Welt in Ordnung. Man hat diese weißen Linien vor sich und alles ist so klar. Ich finde, der Tennisplatz ist der schönste Ort, den es auf der Welt gibt.

Wie und in welchem Alter sind Sie erstmals mit dem Tennissport in Berührung gekommen?

Mit zwölf Jahren hatte ich mal eine kurze Phase, in der ich mehr schlecht als recht mit einem Schulfreund gespielt habe. Das war irgendwo in Berlin-Mitte in so einem Hinterhof. Mitten zwischen den Mietskasernen gab es einen Betonplatz, total runtergekommen, der Asphalt war brüchig. Es gab auch kein Netz und wir haben uns dann eine Schnur gespannt. Danach habe ich angefangen, Theater zu spielen, Filme zu machen. Da geriet Tennis in den Hintergrund. Mit Anfang zwanzig habe ich mit Squash begonnen und bin irgendwann durch Zufall wieder zum Tennis zurückgekommen. Da habe ich gemerkt, dass Tennis für mich die wahre Königin der Schlägersportarten ist. Man braucht nicht mehr Squash zu spielen, wenn man mal auf dem Tennisplatz gestanden hat.

Wer war Ihr Idol der Kindheit?

Die heiße Phase von Boris Becker habe ich nicht miterlebt, weil ich ein Kind der DDR bin. Den Tennishype gab es bei uns nicht. Der erste Spieler, den ich bewusst verfolgt habe, war Goran Ivanisevic und später dann Roger Federer. Der ist für mich einfach der Beste! Er spielt das schönste Tennis, es sieht bei ihm alles wahnsinnig leicht aus.

 
„Wenn ich Federer in Wimbledon mit seinem weißen Sakko sehe und dazu den grünen Rasen, dann ist das schon wahnsinnig stimmig…“

Tom Schilling

Wie intensiv verfolgen Sie die Tour im Fernsehen?

Es gibt für mich nichts Schöneres! Manchmal ist es allerdings etwas schwierig, dieses Hobby mit der Familie zu koordinieren. Deswegen waren die Australian Open immer mein Lieblingsturnier. Da sind die Kinder entweder in der Schule oder im Kindergarten und ich sitze auf der Couch und schaue mir die Nightsession an (lacht).

Sind Sie schon mal bei einem Grand Slam gewesen?

Ich war schon mal bei den French Open und habe dort Philipp Kohlschreiber gegen Novak Djokovic gesehen. Beide hatten nicht ihren besten Tag und haben immer irgendwie schlecht gestanden, das war sehr interessant zu sehen. Danach habe ich dann noch Stan Wawrinka gegen Richard Gasquet angeschaut und das war ein ganz anderes Level. Livetennis ist viel unmittelbarer, man erlebt seine Stars und Lieblinge nicht durch die Mattscheibe und kann selbst entscheiden, wen oder was man beobachtet – im Fernsehen gibt das der Schnitt vor.

Das Leben welches Tennisstars müsste man Ihrer Ansicht nach noch verfilmen und warum wäre das ein guter Filmstoff?

Ich habe bisher nur wenige Tennisfilme gesehen, finde aber Tennisszenen im Film eher schwierig. Sportfilme haben es an sich nicht leicht, weil man eben nie an das Original herankommt. Ich habe jetzt mit sehr viel Freude das Andre Agassi-Buch gelesen. Aber ob das verfilmt eine gute Idee ist? Ich glaube, das hätte einfach nicht diese Wucht, diesen Punch.

Sie tragen in der Öffentlichkeit oft Anzug. Ist es auch das, was Ihnen am Tennis gefällt – das klassische-elegante?

Ich finde alles schön, was eine große Genauigkeit hat. Wenn ich Federer in Wimbledon mit seinem weißen Sakko sehe und dazu den grünen Rasen, dann ist das schon wahnsinnig stimmig.

In welchem Outfit trifft man Sie denn auf dem Tennisplatz an?

Ich finde, es gibt echt schöne Tenniskleidung, aber das ist mir nicht wichtig. Ich spiele in T-Shirt und Jogginghose.

Sie dürfen Ihrem Lieblingssport zum Schluss eine Liebeserklärung machen. Vervollständigen Sie den Satz: „Tennis ist für mich…“

Tennis ist für mich Urlaub vom ich.

Interview-Highlights als Video

Interview - Teil 1

Interview - Teil 2

Interview - Teil 3