„Der mentale Aspekt macht Tennis so interessant“

Der Ex-Fußballprofi spielte von 2002 bis 2015 bei Borussia Dortmund, gewann drei Deutsche Meisterschaften und stand in zwei Europapokalspielen. 2002 wurde er zudem mit der Nationalmannschaft Vizeweltmeister. Sebastian Kehl spielt aber auch gern Tennis. Im Interview spricht er über Reisen mit dem Davis Cup-Team in die Karibik, Begegnungen mit Roger Federer – sowie Parallelen und Unterschiede zum Fußball.

Sebastian, ist man als tennisspielender Fußballer automatisch der Typ „Wühler“ auf dem Court?

Also neben meinem Favoriten Boris Becker fand ich ja früher Stefan Edberg toll. Seine brutale Offensive, dieses konsequente Serve-and-Volley-Spiel. Wenn ich spiele, versuche ich es auch offensiv. Aber klar: In engen Situationen probiere ich dann auch Fehler zu vermeiden, lieber die sicheren Bälle zu spielen und gut zu stehen. Das ist im Fußball ja nicht anders. Da ist es manchmal auch sinnvoll einen einfachen Ball zu spielen.

Wie häufig stehen Sie auf dem Platz?

Leider nur alle paar Monate. Ich habe den Tennissport aber immer verfolgt, schon als kleines Kind. Während meiner aktiven Karriere habe ich nicht so häufig spielen können. Wenn du zweimal am Tag auf dem Platzt intensiv trainierst hast, willst du abends meistens nicht noch mal was tun (lacht). Meine Frau hat früher viel Tennis gespielt. Meine Tochter (8 Jahre, Anm. d. Red.) spielt regelmäßig, mein Sohn (11 Jahre, Anm. d. Red.) hat sich für Fußball entschieden. Im Urlaub spielen wir aber manchmal alle zusammen, auch mal mit einem Trainer. Gerade für Kids finde ich Tennis eine tolle Sportart – weil die Augen-Hand-Koordination geschult wird und so viele Fähigkeiten gefordert sind.

Wie gut spielen Sie?

Ich würde sagen, ich spiele okay. Ich müsste deutlich häufiger spielen. Natürlich merke ich, dass Übung und Wiederholung nötig ist. Im Fußball ist es am Ende genauso: Wenn du nach dem Training noch mal 100 Flanken schlägst, wirst du dich sukzessive verbessern. So sind alle Ball-Sportarten. Mein Lieblingsschlag beim Tennis ist übrigens die einhändige Rückhand. Ich spiele sie lieber als die Vorhand.

 
... an die beidhändige Rückhand wollte ich nicht glauben. Ich finde, die einhändige Rückhand sieht einfach viel eleganter aus ...

Sebastian Kehl

Als Profisportler kennt man sich untereinander, trifft sich auch. Zu welchen Tennisprofis haben Sie Kontakt?

Am meisten wohl zu Philipp Petzschner, den ich schon sehr lange kenne. Er hat mir einige tolle Tipps gegeben, aber an die beidhändige Rückhand wollte ich nicht glauben. Ich finde, die einhändige Rückhand sieht einfach viel eleganter aus (lacht). Alexander Waske, Michael Kohlmann, Philipp Kohlschreiber oder Alexander Zverev und einige andere kenne ich auch ganz gut über viele verschiedene Events. Und einige Male war ich auch schon beim Davis Cup dabei.

Erzählen Sie…

Das Verrückteste war wohl die Reise in die Dominikanische Republik 2015. Ich hatte gerade meine Karriere beendet, eine sehr emotionale Zeit für mich. Damals wollte ich dann erst mal ausbrechen aus den gewohnten Strukturen, wollte neue Kulturen kennenlernen und habe eine Weltreise unternommen. Auf meinem Trip lud mich „Petzsche“ zu den US Open ein, dort habe ich auch die anderen deutschen Jungs alle wieder getroffen. Zwei Wochen später bin ich dann von Kuba auf einen Abstecher zum Davis Cup in die „Dom Rep“ geflogen. Es waren tolle Tage mit der Mannschaft und dem Staff. Auch das Turnier in Flushing Meadows hat mich beeindruckt, ein Wahnsinns-Spektakel. Dort traf ich übrigens auch Roger Federer...

Worüber haben Sie gesprochen?

Er ist ja auch sehr fußballaffin. Wir haben über die Bundesliga und die Champions League gequatscht, also mehr über Fußball als über Tennis. Er war sehr interessiert, ein total lustiger und lockerer Typ.

Sehen Sie ihn auf einer Stufe mit den Weltstars im Fußball?

Ich finde es schwierig, Sportler unterschiedlicher Disziplinen miteinander zu vergleichen. Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi stehen in einer globalen und riesigen Fußballwelt, für die sich Milliarden Menschen begeistern, ganz oben. Roger steht dafür im Tennis über allen. Was er geleistet hat und noch immer leistet, ist total faszinierend. Vor allem: Trotz dieser Erfolge sich so eine Art zu bewahren, diese Bodenständigkeit ist unglaublich bemerkenswert und sympathisch. Er zelebriert das Spiel, wie er läuft, wie er schlägt. Es ist einfach ein Genuss ihm zuzuschauen. Und: Jeder mag ihn. Gibt es überhaupt einen Menschen, der ihn nicht mag? (lacht). Das ist der Unterschied beispielsweise zu Ronaldo: Er polarisiert viel mehr durch sein Auftreten, es gibt viele, die ihn gar nicht ausstehen können, auch wenn er seit Jahren Unglaubliches bei Real Madrid geleistet hat.

 
... Du hast im Tennis immer die Möglichkeit, noch einmal ins Match zurückzukommen...

Sebastian Kehl

Was fasziniert Sie am Tennissport allgemein?

Vor allem die Verbindung zwischen Psychologie, körperlichem Einsatz und dem eins gegen eins. Man ist auf sich allein gestellt, muss den Druck allein bewältigen, teilweise über viele Stunden total fokussiert und konzentriert sein. Der mentale Aspekt macht diesen Sport so interessant. Du verschlägst viermal in Folge die Vorhand und musst es irgendwie schaffen, sie beim fünften Mal trotzdem ohne Angst zu schlagen. Im Fußball ist es ja ähnlich: Du spielst einen Fehlpass und musst ihn sofort abhaken, musst den Weg zurück zu dir selbst finden, zu deiner Stärke. Wenn du dich zu lange mit deinen Fehlern beschäftigst, dann verlierst du den Flow. Ich sehe aber auch einen großen Unterschied zum Fußball…

Nämlich?

Du hast im Tennis immer die Möglichkeit, noch einmal ins Match zurückzukommen. Steht es im fünften Satz 0:5, kannst du die Partie womöglich trotzdem noch gewinnen, auch wenn die Chance vielleicht klein ist. Aber ich halte sie für größer, als ein 0:3 in der 80. Minute noch zu drehen. Wie viele spannende Spiele haben wir alle schon erlebt, die sich am Ende noch gedreht haben? Das macht Tennis aus.

Tennis gilt als eine der mental schwierigsten Sportarten. Ist es auf dem Fußballplatz einfacher, weil man sich hinter einem Team verstecken kann?

Im Tennis hast du normalerweise keine Mitspieler, die dich aufbauen. Im Fußball laufen noch zehn weitere Jungs um dich herum, die können dich auffangen, mitnehmen, emotional pushen oder auch mal in den Hintern treten, wenn es nötig ist. Tennis ist ein Individualsport. Die Typen sind wohl am Ende auch unterschiedlich zu den Mannschaftsportlern.

Es steht 5:5 im Tiebreak. Ist diese Situation vergleichbar mit einem Elfmeter?

Nein, finde ich nicht. Beim Elfmeter hast du nur diese eine Chance. Wenn du verschießt, ist sie weg. Der Moment ist so kurz. Du läufst an, schießt – und dann ist es vorbei. Beim Tennis bringst du den Ball ins Spiel, danach bist du auch abhängig davon, was dein Gegner anbietet. Auch wenn du schwach aufschlägst, kannst du den Ballwechsel gewinnen. Wenn du einen Elfmeter richtig schwach schießt, geht er in der Regel nicht rein.

Erinnern Sie ein besonderes Match, das Sie im Fernsehen verfolgt haben und das Sie nicht wieder losgelassen hat?

Michael Chang gegen Ivan Lendl. Diese unfassbare Partie damals in Paris (1989, Achtelfinale French Open, Anm. d. Red.), in der Chang am Ende von Krämpfen geplagt von unten aufschlagen musste. Der Amerikaner lag am Boden, konnte nicht mehr und letztlich hat er Lendl doch mental zerstört. Beeindruckend. Ich war ein kleiner Junge und habe das Spiel heute noch vor Augen. Ansonsten faszinierende Spiele von Boris und Steffi, aber auch Agassi. Es gab schon etliche Highlights.

 
... früher habe ich mit einem braunen Holzschläger gespielt. Ich glaube, es war das Modell von Boris Becker...

Sebastian Kehl

Wie ist Ihr Tennisinteresse entstanden?

Ich bin in kleinem Ort in der Nähe von Fulda aufgewachsen, wir hatten dort keinen Tennisclub. Aber wir haben draußen gespielt, zwei Stühle genommen, sie mit einer Kordel verbunden. Das war unser Netz. Mit Farbe haben wir uns das Feld aufgemalt und einfach auf dem Teer gespielt. Damals habe ich auch oft stundenlang Bälle gegen unsere Hauswand gepeitscht. Mit einem braunen Holzschläger, ich glaube es war ein Modell von Boris Becker.

Haben Sie irgendwann im Club gespielt?

Nein, mein Fokus lag auf dem Fußball. Tennis war damals doch noch ein elitärer Sport und wir waren die Jungs, die auf der Straße gezockt haben. Wenn wir dann ab und zu gegen die anderen spielen durften, die jede Woche Tennistraining hatten, waren das ganz besondere Duelle (grinst). Zum Glück hat sich im Tennis viel getan. Der Sport hat sich ja längst geöffnet.

Welche Fußballprofis sind die besten Tennisspieler?

Oh, es gibt viele, die tennisverrückt sind und gern mal spielen. Während der WM 2006 haben wir ab und zu in Berlin gespielt. Wir wohnten am Grunewald, nicht weit entfernt gab es eine schöne Anlage. Damals habe ich mit Christoph Metzelder gegen Thomas Hitzelsberger und Arne Friedrich gespielt. Die haben uns komplett abgezogen (lacht). Oliver Bierhoff spielt auch sehr gut Tennis, Miroslav Klose ebenso. Mats Hummels ist Riesenfan. Beim BVB spielen sie inzwischen ab und zu Padel-Tennis im Training. Das habe ich mit „Petzsche“ auch schon ausprobiert. Macht Riesenspaß.

Spricht man in der Kabine regelmäßig über Tennis?

Wir Sportler verfolgen ja sowieso alles (lacht). Klar kommst du mal in die Kabine und fragst: ‚Ey, haste gestern Abend Roger geschaut?‘. Die Leistungen der anderen Athleten beachtet man schon, die Wertschätzung und der gegenseitige Respekt sind groß. Umgekehrt ist es aber genauso: Die Tennisspieler sind auch alle verkappte Fußballer. „Kohle“ ist glühender BVB-Fan, „Struffi“ auch.

Zum Abschluss vervollständigen Sie doch bitte folgenden Satz: Tennis ist für mich…

… eine großartige und faszinierende Sportart, die ich hoffentlich mal wieder häufiger genießen kann.