„Ich hatte neben meinem Tennisbag immer eine rote Gitarrentasche dabei“

Mit der Band Revolverheld spielt Gitarrist Kristoffer Hünecke (40) regelmäßig vor tausenden Fans in großen Arenen. Doch auch auf dem Tenniscourt liefert er eine gute Show ab. In der Jugend war er Deutschlands Nummer eins. Wir trafen den 40-Jährigen – zuerst auf der roten Asche, anschließend in seinem Hamburger Studio. Ein Interview über den früheren Traum einer Profikarriere und Doppelmatches mit Tommy Haas. Über Parallelen zur Musik und darüber, warum Tennis noch immer sein liebstes Hobby ist.

Kris, die Gewissensfrage zum Einstieg: Gitarre oder Tennisschläger?

Inzwischen natürlich eher die Gitarre. Aber ich habe seit meiner Jugend wahnsinnig viel Tennis gespielt, als Leistungssport. Damals war ich auch in einem Team mit Tommy Haas. Wir haben zusammen in Japan die Europameisterschaften gespielt und waren auch bei den Weltmeisterschaften am Start. Wie Tommy war auch ich einige Zeit bei Nick Bollettieri in Florida, damals war ich 16. Tennis war mein Leben. Aber ich war auch damals schon der Typ, der neben seinem roten Tennis-Bag immer eine rote Gitarrentasche dabei hatte. Die Jungs haben mich dafür ein bisschen belächelt. Tennis und Musik liefen lange parallel, bis ich mich wegen einer Handgelenksverletzung entscheiden musste.

Wie endet ein Revolverheld-Match zwischen Kris Hünecke und Frontsänger Johannes Strate?

Johannes ist ein sehr talentierter Ballsportler. Er hat ein gutes Ballgefühl. Wir liegen natürlich auf dem Tennisplatz weit auseinander, weil ich einfach schon jahrelang spiele. Aber beim Padel-Tennis, wo es weniger auf die Grundtechnik und mehr auf die allgemeine Fitness ankommt, hat er durchaus Chancen. Da liefern wir uns echte Fights. Als wir einmal mit allen Bandmitgliedern auf Mallorca im Urlaub waren, standen wir zwei fast ständig auf dem Padel-Court. Ein Riesenspaß.

Was ist anstrengender: Abends ein zweistündiges Konzert oder ein Dreisatz-Match?

Ein Dreisatz-Match (lacht)! Zumindest körperlich. Aber es gibt durchaus Parallelen. Dieses Auspowern hat man auch auf der Bühne. Und das Gefühl, du hast alles gegeben, wenn du von der Bühne kommst. Das ist ähnlich wie beim Tennis. Auch das Adrenalin vor einem wichtigen Match. Das spüren wir Musiker natürlich auch, bevor wir große Auftritte spielen.

 
„Tennis ist für mich der faszinierendste Sport“

Kristoffer Hünecke

Wie häufig spielen Sie heute noch Tennis?

Ich versuche es so häufig wie möglich. Tennis ist eine Sportart, die den ganzen Körper beansprucht. Für mich die beste Art und Weise, sich fit zu halten. Es ist natürlich schwierig, wenn wir viel unterwegs sind. Aber ich versuche viel zu trainieren, dran zu bleiben. Natürlich merke ich auch mit zunehmenden Alter, dass es immer schwieriger wird. Ein wichtiger Bestandteil meines Lebens ist Tennis dennoch auch heute. Ich spiele in einer Herren 40-Mannschaft und ich veranstalte Ende August in Hamburg zum zweiten Mal meinen Rackethelden-Cup, ein Charity-Turnier.

Wie intensiv verfolgen Sie die Tour?

Ich bin nach wie vor ein Riesenfan, das werde ich auch immer bleiben. Tennis ist der faszinierendste Sport für mich. Ich komme jedes Jahr zum Turnier am Hamburger Rothenbaum, das war schon als kleiner Junge so. Zudem habe ich eine große Affinität zum ATP-Turnier in Halle. Wir haben mit Revolverheld dort schon ein paar Mal gespielt, auch in diesem Jahr. Wir saßen einen Abend am Tisch beim Essen, als Dominic Thiem vorbeikam. Er sagte, er sei ein großer Fan unserer Band und fragte, ob wir ein Foto machen können. Ich sagte: „Wow, was? Du bist Fan von unserer Band? Ich bin großer Fan von dir!“ Wir schreiben jetzt ab und zu, er ist ein wahnsinnig netter Kerl. Ich habe auch Alexander Zverev dort getroffen. Mit seinem Bruder Mischa hatte ich früher beim UHC in Hamburg trainiert. Auch sein Vater hat mich erkannt, er war damals mein Coach. Das war wahnsinnig nett für mich.

Was macht die Faszination Tennis für Sie aus?

Die Tatsache, dass man das Spiel alleine entscheiden kann. Man muss im Kopf wahnsinnig stabil sein, man muss fit sein, es muss alles zusammenkommen. Wenn man gewinnt, dann hat man das alleine geschafft. Wenn man verliert, dann hat man das alleine verbrochen. Ich habe daraus viel für mein Leben gezogen. Du wirst stärker im Kopf. Du kannst dich aus Krisen besser herausziehen, weil du es auf dem Court gelernt hast.

In Ihrem Studio stehen gefühlt 50 oder mehr Gitarren. Sind Sie beim Tennis auch ein Material-Freak?

Die Sammlung ist über die Jahre gewachsen. Das ist ein gewisser Tick von mir. Jede Gitarre ist immer ein Song. Und jede Gitarre, gerade die älteren, erzählen Geschichten. Wenn ich dann anfange zu spielen, ist es sehr inspirierend für mich. Bei meinen Tennisschlägern ist es mir auch immer wichtig, ein frisches Griffband zu wickeln, bevor ich auf den Platz gehe. Dass mein Schlägerlogo auf der Besaitung zu sehen ist und das Racket einfach gut aussieht. Ich glaube, das ist eine Typ-Frage.

Ist ein Studio-Tag vom Gefühl vergleichbar mit einem Tag auf dem Tennisplatz?

Mein Studio ist so etwas wie mein Spielplatz. Wenn ich hier morgens aufschließe und mich hinsetze, dann empfinde ich Freiheit. Niemand sagt mir, was ich zu machen habe. Ich kann einfach tun, was mir Spaß bringt. Das war und ist auf dem Tennisplatz ähnlich. Dort redet dir in der Regel auch keiner rein.

 
„Ich glaube, ohne Tennis in meinem Leben wäre ich vielleicht nie dazu gekommen, in dieser Form wie heute Musik zu machen.“

Kristoffer Hünecke

Hat Sie der Tennissport ähnlich stark geprägt als Mensch wie die Musik?

Das sind verschiedene Phasen meines Lebens. Tennis war vor allem meine Jugend – klar, der Sport hat mich unglaublich geprägt. Diese vielen Erfahrungen, das Reisen, das Weltoffene zu lernen. Was ich am Tennis sehr schätze ist, dass es keine Grenzen gibt. Das ist allgemein schön am Sport. Er verbindet, er integriert. Das tut die Musik auch. Was mich sehr geprägt hat als Jugendlicher und wofür auch wir als Band heute stehen, ist diese Grenzenlosigkeit. Jeder ist gleich, jeder Mensch hat die gleichen Rechte. Ich glaube, ohne Tennis in meinem Leben wäre ich vielleicht nie dazu gekommen, in dieser Form wie heute Musik zu machen.

Sind Sie heute froh, dass Sie Musiker und kein Tennisprofi sind?

Ich bin schon glücklich, dass ich zur Musik gekommen bin und mein Leben so leben darf wie es ist. Ich bin jetzt 40 Jahre alt, die Tenniskarriere wäre in jedem Fall beendet. Wahrscheinlich mit mehr Verletzungen als ich sie als Jugendlicher bereits ertragen musste. Wenn ich mit meinen Jungs auf der Bühne stehe, ist es egal, ob ich 30, 40 oder 50 bin. Mittlerweile wird der Spaß sogar immer größer, weil man sich seit so vielen Jahren kennt.

Die Musik wird Sie vermutlich bis ins hohe Alter begleiten. Der Tennissport auch?

Ich hoffe beides! Es gibt ja nichts Schöneres als seine beiden größten Leidenschaften bis ins hohe Alter auszuüben. In der Musik arbeiten wir stetig dran, produzieren neue Alben, versuchen immer voranzukommen. Auf unserem neuen Album „Zimmer mit Blick“ hört man sicherlich, dass wir uns stetig weiterentwickeln wollen. Das ist bei mir als Tennisspieler genauso. Da ist Alter ist da keine Grenze. Ich finde beispielsweise, dass meine Rückhandtechnik momentan viel besser ist als früher. Obwohl ich als Jugendlicher in der Endphase wahrscheinlich besser gespielt habe und fitter war als jetzt. Es gibt immer etwas, woran man arbeiten kann. Ich hoffe, dass ich das mit 70 immer noch sage.

Braucht man als Musiker ähnlich viel Disziplin wie als Leistungssportler?

Ich glaube, das ist eine Frage des Typs. Beim Tennis habe ich Leute erlebt, die hatten halb so viel trainiert wie ich, waren aber fünfmal so talentiert und sie haben es dann irgendwie geschafft. Ich denke, wenn man über einen bestimmten Punkt hinauskommen will, dann braucht man dieses Roger Federer-Gen. Struktur ist eine ganz wichtige Eigenschaft – auch in der Musik. Da gibt es natürlich noch viel mehr die Faktoren Chaos, Talent, Kreativität. Es gibt wahnsinnig kreative Köpfe, die haben überhaupt keine Struktur. Bei mir funktioniert es nur so, dass ich morgens in mein Studio komme und meinen geregelten Tagesablauf habe. Im Tennis ist es, finde ich, ein bisschen anders. Klar, du brauchst auch eine gewisse Struktur. Aber ich glaube, ohne Disziplin und ohne diesen eisernen Willen bekommst du gar nichts hin. Natürlich ist im Sport der Wettbewerbsgedanke noch viel größer. Den gibt es in der Musik zum Glück nicht so sehr. Klar, freust du dich, wenn sich eine Platte gut verkauft, aber du freust dich viel mehr darüber, wenn du einen Song geschrieben hast, der dir etwas bedeutet.

Vervollständigen Sie zum Abschluss bitte den Satz: „Tennis ist mein Sport, weil…“

… weil es eine faszinierende Einzelsportart ist. Man hat es selber in der Hand. Man kann alles dafür tun, dass man gewinnt und man kann alles dafür tun, dass man verliert.

Interview-Highlights als Video

Interview - Teil1

Interview - Teil2

Interview - Teil3

Interview - Teil4

Interview - Teil5

Interview - Teil6