Florian Kohfeldt: „Der Fußball kann viel vom Tennis lernen“

Er ist einer der jüngsten Trainer in der Fußball-Bundesliga – und das durchaus erfolgreich. Florian Kohfeldt, 36, trainiert die Mannschaft des SV Werder Bremen. In seiner Freizeit schwärmt er für den Tennissport, läuft sogar bei Punktspielen auf. Ein Gespräch über verschiedene Trainerrollen, Videoanalysen, Roger Federer und den Davis Cup.

Herr Kohfeldt, ist ein Interview über Tennis für einen Fußballtrainer eine gelungene Abwechslung im Medienalltag?

Ein Lebenstraum geht in Erfüllung (lacht). Klar, es ist eine Abwechslung, aber gleichzeitig auch ein Ausflug ins Privatleben, weil Tennis für mich eine sehr große Rolle spielt. Lassen Sie uns ein bisschen über Tennis reden, ich freue mich.

Wie häufig spielen Sie?

So häufig wie es Job und familiäre Verpflichtungen zulassen. Ich versuche, ein- bis zweimal die Woche auf den Court zu gehen – gerne auch häufiger, wenn es möglich ist. Ich bin tatsächlich ein wenig tennissüchtig.

Es gibt ein Zitat von Ihnen, das lautet: „Tennis ist für mich ein heiliger Termin in der Woche. Beim Tennis bin ich nicht so kontrolliert wie beim Fußball.“ Fliegen bei Ihnen also auch mal Schläger in einem Match?

Manchmal führe ich Selbstgespräche auf dem Court (lacht). Ich finde, das Faszinierende am Tennis ist, dass man immer gegen einen Gegner und zudem gegen sich selbst kämpft. Für mich als Mannschaftssportler ist dieser Aspekt speziell. Tennis ist für mich ein strategisches Spiel – man kann niemandem die Schuld geben, wenn es nicht läuft. Deshalb rege ich mich gern auch mal über mich selbst auf (grinst).

Sie gelten auch im Fußball als Stratege. Passt diese Bezeichnung ebenso auf den Tennisspieler Florian Kohfeldt?

Ob das im Fußball so ist, müssen andere beurteilen. Beim Tennisspielen ist es notgedrungen manchmal so. Ich habe erst im Studium richtig mit Tennis angefangen. Deshalb beherrsche ich gewisse Techniken nicht so gut wie andere, die ihr Leben lang auf den Court gehen. Ich muss also andere Mittel und Wege suchen, um Matches zu gewinnen – eine schlaue Taktik ist dann umso wichtiger. Tennis ist auf ganz vielen Ebenen ein spannendes und taktisches Spiel, auch mental. Ich glaube, es gibt kaum eine Sportart, in der man so viel denkt wie beim Tennis. Seinen Gegner ins Grübeln zu bringen, kann durchaus hilfreich sein.

 
„Tennis ist für mich ein toller Ausgleich zum Fußball“

Florian Kohfeldt

Wie sind Sie ursprünglich zum Tennis gekommen?

Ich habe als Kind alles geschaut, was es zu sehen gab. Ich erinnere mich noch an Wimbledon mit Ulli Potofski bei RTL, damals habe ich sogar jede Regenpause verfolgt. Ich habe den Sport immer bewundert. Gleichzeitig war Tennis in meiner Jugend so etwas wie ein unerreichbares Ziel, weil ich meistens nur im Urlaub gespielt habe. Auf den Tennisplatz zu gehen, war etwas ganz Besonderes für mich. Im Studium (Sport- und Gesundheitswissenschaften, Anm. d. Red.) waren wir dann eine Gruppe von neun Jungs, mit denen wir regelmäßig spielten. Wir sind über Tennis zusammengekommen, haben sogar Turniere gemeinsam veranstaltet. Inzwischen sind wir in ganz Deutschland verteilt, treffen uns aber jedes Jahr zumindest für ein Turnier. Tennis verbindet uns und hat echte Freundschaften entstehen lassen.

Spielen Sie auch im Verein?

Ja, ich bin nach dem Studium zum ersten Mal einen Club eingetreten. Ich spiele in Bremen im TC Schwarz-Weiß Neustadt, ein kleiner und sehr netter Verein. Manchmal bin ich sogar auch bei den Punktspielen dabei. In diesem Jahr habe ich es zumindest einmal geschafft – und auch gewonnen (grinst). Tennis ist für mich ein toller Ausgleich zum Fußball.

Brauchen Sie den Wettkampf auch auf dem Tennisplatz?

Ich glaube, das Wettkampfgen eint uns alle, die aus dem Leistungssport kommen – egal, ob als Trainer oder Spieler. So ganz kann man den Gedanken nicht verdrängen. Allerdings gelingt es mir durchaus, Tennis lockerer zu sehen als Fußball.

Welche Rolle spielt der Tennissport bei Werder Bremen?

Im Trainerteam gibt es einige begeisterte Spieler, Tim Borowski zum Beispiel. Unsere gesamte Athletikabteilung trifft sich regelmäßig auf dem Court, einer unserer Teamärzte ist auch Turnierarzt bei den Gerry Weber Open in Halle. Es gibt bei vielen Fußballern eine Affinität zum Tennissport. Bei den Jungs in der Mannschaft allerdings eher weniger. Tennis ist kein Sport, den man im Trainingslager mal nebenbei spielt.

Was kann man sich als Fußballspieler vom Tennis abschauen?

Wir sind im Fußball weit weg von einer so individuellen Betreuung wie im Tennis. Das liegt natürlich vor allem daran, dass Fußball ein Teamsport ist. Dennoch versuchen wir, uns in diesem Punkt Aspekte aus dem Tennis abzuschauen. Jan de Witt (langjähriger Tourcoach, Anm. d. Red.) arbeitet eng mit uns zusammen. Natürlich können wir kein athletisches Programm aus dem Tennis übernehmen, die sportartspezifischen Belastungen sind völlig unterschiedlich. Aber wir schauen uns an, wie man Individualbetreuung organisiert, wie man mit Einzelspielern umgeht, auch Videoanalysen sind ein wichtiger Punkt. Im Fußball arbeiten wir damit sehr intensiv im Hinblick auf das gesamte Team – aber bisher nur sehr rudimentär was die einzelnen Spieler angeht. Individuelle Trainingssteuerung ist das Einmaleins im Tennis. Darüber tauschen wir uns intensiv mit Jan aus. Wir lernen viel von ihm.

Sehen Sie in der Rolle des Trainers große Unterschiede zwischen Tennis und Fußball?

Das ist eine spannende Frage. Es gibt ja durchaus Teams in der Tennisszene, in denen nicht unbedingt der Trainer der Chef ist, sondern beispielsweise der Physiotherapeut die Ansagen macht. Das wäre im Fußball undenkbar. Die Trainerrollen sind grundverschieden und schwer vergleichbar. Auch die Eingriffsmöglichkeiten im Spiel sind anders. Ich stelle es mir wahnsinnig schwierig vor, als Tennistrainer draußen zu sitzen und nicht wirklich Einfluss nehmen zu dürfen. Und dennoch können wir Trainer sicherlich viel voneinander lernen.

Haben Sie einen Tennis-Traum?

Ich durfte mir schon den einen oder anderen Traum erfüllen. Beim Turnier in Halle war ich einmal sehr dicht dran, als Roger Federer auf einem Nebenplatz trainierte. Ihn so nah zu erleben, war für mich ein Wahnsinns-Erlebnis. Ich würde gern einmal bei allen Grand Slam-Turnieren vor Ort zu sein. Bislang habe ich es nur nach Paris geschafft – auch das war ein gigantisches Erlebnis. Das Flair ist vollkommen anders als beim Fußball. Wir waren auf dem Centre Court, haben aber auch auf den Nebenplätzen die Junioren angeschaut. Es war faszinierend. Vor allem habe ich gemerkt, wie schlecht ich selbst eigentlich spiele (lacht).

 
„Ich kenne alle YouTube-Listen mit Federers besten Punkten“

Florian Kohfeldt

Bezeichnen Sie Federer als Ihren Lieblingsspieler?

Das ist vielleicht langweilig, weil alle ihn bewundern. Aber was ich so schön finde: Er lässt das Spiel so leicht aussehen! Und das, obwohl so wahnsinnig viel Arbeit dahintersteckt. Mit welchem Spielwitz und welcher Ästhetik er auftritt, ist beeindruckend. Ich kann mich fünf Stunden vor den Fernseher setzen und ihm zuschauen, kenne alle YouTube-Listen mit seinen besten Punkten. Er ist einfach ein faszinierender Sportler.

Darf man Federer mit Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo vergleichen?

Ein Quervergleich ist immer schwer – weil auch Superstars wie Messi und Ronaldo nichts ohne ihre Mannschaft wären. Ich glaube, Roger steht für mich sogar ein wenig über den beiden, weil er seit so langen Jahren seinen Sport dominiert, immer sein Spiel weiterentwickelt, auch schon schwierige Phasen durchlebt hat. Er ist für mich einer der Sportler überhaupt.

Sind Einzelerfolge manchmal höher anzurechnen als Mannschaftserfolge?

Das kann ich schwer einschätzen, aber gefühlt würde ich sagen: Ja! Dafür sind Mannschaftserfolge definitiv schöner. Es gibt ein Video von Roger Federer, das ihn nach dem Schweizer Davis Cup-Triumph (2014, Anm. d. Red.) mit dem Team in einem Festzelt beim Feiern zeigt. Da spürt man, was es für einen Einzelsportler bedeutet, plötzlich ein großes Mannschaftserlebnis zu haben. Das ist unser Privileg im Fußball, das dürfen wir Woche für Woche erleben.

Wie bewerten Sie die Davis Cup-Reform, die im Sommer durch den Weltverband ITF verabschiedet wurde?

Ich habe so viele schöne Erinnerungen an wahre Davis Cup-Schlachten. Ich weiß zum Beispiel noch, wie Michael Stich einmal neun Matchbälle vergeben hatte – da wäre ich fast durchgedreht (lacht). Der Davis Cup lebte immer davon, dass sich die Spannung über ein Wochenende aufgebaut hat. Als Fan bedauere ich es, dass man diesen Modus nun ändert.

Sie sind in der goldenen Becker-Graf-Stich-Ära aufgewachsen. Wer war früher Ihr Idol?

Idole hatte ich eher im Fußball, nicht unbedingt im Tennis. Aber ich habe natürlich auch damals schon viel Tennis verfolgt. Mich hatte immer Michael Stich etwas mehr fasziniert als Boris Becker. Ich fand seine Art und Weise zu spielen schöner. Auch Sampras fand ich klasse.

Beenden Sie zum Abschluss doch bitte folgenden Satz: „Tennis ist mein Sport, weil…“

… mich Tennis völlig fesselt, wenn ich auf dem Court stehe und mir der Sport keinen Raum lässt, über andere Dinge nachzudenken. Das ist ein Gefühl, das für mich eine große Erholung darstellt.

Interview-Highlights als Video

Interview - Teil 1

Interview - Teil 2

Interview - Teil 3

Interview - Teil 4